Dazwischen
Sonntag, 16. August 2026

Der Felsen im See - 1. Teil

In einer Zeit, als das Hoffen noch geholfen hat, lebte ein König mit seiner Königin und den zwei Töchtern am Rande der bewohnbaren Welt ein ruhiges und ereignisarmes Leben. Die Töchter, wohlgeraten, eine lieblicher als die Andere, gebildet und voll gestalterischer Kraft, schienen sich vor den Augen ihrer Eltern und des Volkes wunderbar zu ergänzen, Neid oder gar Feindschaft zwischen den beiden konnte niemand behaupten.

Da die Ältere als Thronfolgerin auserkoren war, ihre Schwester damit ihren Frieden hatte, konnte der König beruhigt die Geschicke seines Landes Stück für Stück auf die Prinzessin übertragen, die ihre Pflichten meisterlich erfüllte.

Eines Tages nun trug es sich zu, dass der König, schon grau an den Schläfen, an einem Weiher vorbei kam, an dem ein altes Weiblein saß und Steine hineinwarf, die sie Stück für Stück abzählte. Erstaunt fragte der König nach einer Weile, was das Hutzelweib denn da täte, sie erwiderte mit einem schief verzogenem Lachen, dass es eine Zeit kommen sähe, in der der Weiher vertocknet und das Korn verdorrt auf den Feldern stehen würde, sie müsse die Jahre abzählen, die das Reich des Königs in seiner Pracht noch vor sich hätte.

Er blickte sie grimmig an, herrschte, sie solle von Verfluchungen Abstand nehmen und sich über die Häuser scheren, woraufhin die Alte zu voller Größe aufstand, zwei Klafter größer als der König vor ihm donnernd rief, er möge sich hüten, die Jahre hätten sich eben auf drei verkürzt, dann sei sein Reich verloren. Seine einzige Chance wäre, die Tochter zu opfern, er solle sie bis morgen Mitternacht zum Weiher gebracht haben und in einem dunklen Rauch löste sich das Hutzelweib sofort in Luft auf.

Der König, zu Tode erschrocken, ritt nach Hause und erzählte der Königin davon. Welche Tochter? Fragte diese, noch mehr erschrocken und der König wusste gleich den Grund dieser Frage. Die Königin hatte ihr jüngstes Kind von Anfang an wie ihr Ebenbild geliebt, weswegen sie nur Angst um diese hatte. So redete sie dem König, der auch nicht wusste, welche seiner zwei Töchter das böse Weib gemeint hatte, die ganze Nacht zu, die ältere Tochter zu schicken, diese würde es schon schaffen, das Hutzelweib zu besiegen. Sie sei stark und unabhängig und als Thronfolgerin müsse sie beweisen, was in ihr stecke.

Widerwillig ließ sich der König überreden und rief am folgenden Morgen nach seiner Tochter. Kind, du musst zum Weiher im nahen Wald reiten, dort wartet eine alte Frau auf Dich mit einer Aufgabe.

Die Tochter ritt, ohne zu fragen, los, ihr Vertrauen in ihn war unerschütterlich.

Kaum am Weiher angekommen nahm das, wieder riesig aufgeblähte Hutzelweib die Königstochter gefangen und sperrte sie auf einer Insel mitten im Weiher in einen Korb aus Eisen. Die Königstochter verstand nicht, was ihr geschah und klagte und rief, aber niemand kam, sie zu retten.

Im Reich verbreitete sich die Kunde von ihrem Verschwinden rasch, ein Wehklagen hob an, und als drei Jahre ins Land gezogen waren und sie nicht wieder gesehen ward, beschloss die Königin, den König zur Anerkennung der jüngsten Tochter als Thronfolgerin zu drängen, woraufhin dieser unter einer Bedingung einwillgte: Die kleine Schwester müsse ein Jahr durch das Reich fahren, ihre große Schwester zu suchen. Sie willigte unerfreut ein, auch der Königin gefiel der Plan nicht im Geringsten, aber beide beugten sich dem Willen des Vaters.

Am nächsten Morgen schon ritt die Kleine los.

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