Dazwischen
Dienstag, 25. August 2026

Der Felsen im See - Teil 2

Landaus, landein suchte sie nach ihrer verlorenen Schwester, folgte vielen falschen Fährten und lernte in jedem Tag jeder Woche etwas Neues über ihre zukünftigen Untertanen. Ihr Vater hatte ihr aufgetragen, sich niemals erkennen zu geben, außer in einer bestimmten Situation, hinge nämlich ihr Leben davon ab, müsse sie den Ring an ihrem Finger einmal herumdrehen, damit er das Siegel des Königs zeigen würde, woraufhin ihr, so Gott es wolle, im Augenblick geholfen sei.

Die junge Frau erlebte, welche Nöte und Sorgen die Menschen haben, diese Zustände waren ihr, im Schloss fernab von Wind und Wetter lebend, zeitlebens etwas fremd gewesen, da sie und ihre verschollene große Schwester jedoch von der Königin immer angehalten gewesen waren, ihre Teller selbst in die Küche zu räumen, den Boden zu fegen und nach dem Unterricht mit dem Schwertmeister die Schweine, Kühe und Pferde zu füttern, war aus der baldigen Königin eine junge Frau voll Mitgefühl gewachsen, die zu Beginn schwer damit zu kämpfen hatte, nur mit ihrem Begleiter, dem ältesten Pferd im Stall und einer kleinen Kiste an Habseligkeiten herumzufahren und nicht alle Ecken und Ende ihren Ring zu drehen um den armen Leuten Hilfe zukommen zu lassen. Das Volk lag nicht danieder, der König hatte, nach langen Jahren der Unruhen mit den benachbarten Reichen geschafft, langsam einen Wohlstand in seinem Land zu fördern, der mit der harten Arbeit seiner Bauern und Handwerker und höheren Stände belobigt war, eine schwere Missernte und darauffolgende Unwetter bedrohten diese zarten Pflänzchen des Kümmerns seit einiger Zeit jedoch immer schwerer.

So sah die junge Königin vielfältiges Leid und daraus resultierenden Kummer wohin sie blickte, die Gesichter waren traurig und grau, die Menschen wussten vor dem nahenden Winter wohl, dass ihre Speicher nicht gut gefüllt waren und die benachbarten Krieger nur auf die nächstbeste Gelegenheit warteten, das wenige auch noch zu rauben.

Auf der Insel saß ihre Schwester in dem ehernen Korb und zählte die Sterne der Nacht, die Blätter des Sommer auf den Bäumen und die Schneesterne der Winterstürme, die Monate vergingen, niemand kam je um mit ihr ein Wort zu wechseln, sie begann, mit sich zu sprechen, erzählte Geschichten von fernen Welten, in denen es Frieden und Freiheit gäbe und Gerechtigkeit unter den Völkern herrschte.

Eines Tages, als sie gerade am Boden des kalten Korbes lag und durch die Stäbe in eine, vom vollen Mond erleuchtete Nacht blickte hörte sie etwas Rascheln. Es war anders, nicht wie das Flüstern der Blätter im Wind, folgte einem speziellen Rhythmus den sie seit Ewigkeiten nicht mehr vernommen hatte. Ein Lebewesen, eindeutig, Mensch oder Tier, das sich zaghaft näherte.

Wer bist Du?

Sie erschrak vor der Kraft ihrer eigenen Stimme.

Das Rascheln verstummte im Moment.

Hallo?

Nichts rührte sich, sie horchte noch lange in die, bald mondferne Stille, bis sie einschlief, ohne erneut auch nur das Geringste vernommen zu haben. Am nächsten Morgen erschien es ihr, sie müsse geträumt haben, und so widmete sie sich erneut dem Zählen der Sandkörner an der Außenseite ihre Käfigs.

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