Der Felsen im See - Teil 3
Ihre Schwester hatte in der Zwischenzeit die Suche nach der Thronfolgerin eingestellt. Sie war einem jungen Adligen begegnet, der ihr durch seine Schönheit und Anmut dermaßen den Kopf verdreht hatte, dass sie seinen Worte jede Stunde, die sie mit ihm verbrachte, mehr und mehr Glauben schenkte, in denen er die Vorzüge edler Abstammung aufs Höchste pries, die Unterschiede der Menschen als Gottgegeben verteidigte und ihre zarten Anfälle von Mitgefühl mit dem Leid der Untertanen als jugendliche Torheit abtat, ohne sie dabei vor den Kopf zu stoßen, mehr auf eine einnehmende Art und Weise, so war sie nach einigen kurzen Wochen überzeugt, ihre hochwohlgeborene Abstammung wäre mehr als verdient, hätte der König sie gesehen, wie sie mit dem jungen Adligen bei Tisch saß und über den Diener spottete, der den Wein aus Müdigkeit neben den Humpen gegossen hatte, er hätte seine kleine Tochter nicht wiedererkannt.
Es war ihm von Anfang an klar gewesen, dass sie, in ihrer Rolle als das zweitgeborene Kind, anfällig sein würde, für diese und ähnlich gelagerte Arten der Beeinflussung.
Die natürliche Autorität, die der erstgeborenen Tochter von klein auf ein gewisses Licht verliehen hatte, fehlte ihrer kleinen Schwester seit Beginn an, und er hatte lange sinniert, ob ihre große Schwester das in sich trug, weil sie, alleine unter Erwachsenen, die ersten Lebensjahre anders behütet worden war, oder, weil jeder ihr vom ersten mutigen Lebensschrei an mit dem Bewusstsein begegnet war, sie würde eines Tages die Königin sein, manchmal dachte er weiter, sie wäre ein zu freundliches Wesen für diese schwere Aufgabe, die ihm oft zur Last gefallen war, die er aber dachte, so gut auszufüllen, wie er es nur konnte.
Ihm war bewußt, dass die Gefahren der kommenden Zeit viel von der zukünftigen Königin abverlangen würden, nicht nur die seltsame Prophezeiung der alten Hexe, auch die vielen jungen Männer, die von einem fernen Land in sein Reich gekommen waren, weil sie Krieg und mangelnde Möglichkeiten vertrieben hatten, denen er gerne geholfen hätte, im Leben Fuss zu fassen, sie in die Pflicht genommen, die jedoch, schwer geprüft von ihrer Vergangenheit sein Volk verängstigten.
Hätte er seine jüngere Tochter mit dem Spross einer seiner treuesten Adelsgeschlechter zusammen erlebt, wie sie sich im Übermut den Kopf mit Wein gossen, er wäre vor Kummer starr geworden.
Die Tochter im eisenen Käfig zählte indes die Umdrehungen der Eisenstäbe zum hundertsten Mal und das Ergebnis hatte sich seit dem ersten Versuch nicht verändert. Das organische Geräusch war nicht wiedergekehrt, sogar über eine Schnecke hätte sie sich gefreut, doch der Felsen im See bestand aus dem Käfig, ein paare Bäumen, einem aufgeschütteten Sandhaufen links davor und keinem einzigen lebendigen Wesen, nichtmal einer Ameise oder einem Vogel. Zwei Jahre waren ins Land gezogen, niemand hatte ihr je erklärt, warum sie hier ausharren musste, noch, ob ein Ende absehbar sei, wessen sie angeklagt und wie sie es gegebenenfalls sühnen könne.